Ärztliche Vorsorge

und noch viel mehr...

Die Schulmedizin zielt auf die Erkennung und Heilung von Krankheiten.
Darum ist es von großem Wert, wenn kranke Frauen in der Schwangerschaft ärztlich begleitet werden können.
Bei gesunden Frauen kann die risikoorientierte ärztliche Begleitung Ängste hervorrufen, wenn von verschiedensten Gefahren die Rede ist und das ungeborene Kind immer wieder daraufhin untersucht wird, ob mit ihm "alles in Ordnung" sei. Das kann für schwangere Frauen eine dauerhafte seelische Belastung darstellen, die aus der Zeit der guten Hoffnung eine Zeit der Ängste und Besorgnisse macht. Im schlimmsten Fall resultiert daraus eine schwierige Geburt.

Wenn Sie neben der Vorsorge auch Pränataldiagnostik für Ihr Kind möchten, bekommen Sie diese nur in der Arztpraxis. Vorsorgeuntersuchungen können von Hebammen durchgeführt werden. Die Möglichkeit, einen Arzt aufzusuchen, haben Sie trotzdem, denn es ist Ihr Recht, die Vorsorge von Hebamme und/oder Arzt parallel durchführen zu lassen. Sollte die Hebamme im Hinblick auf Ihre oder die Gesundheit Ihres Kindes Fragen haben, wird sie Sie an eine Arztpraxis überweisen. Das ist bei 10-15 % aller schwangeren Frauen erforderlich. Diese Zahl deckt sich mit der Aussage der WHO, wonach 85-90 % aller schwangeren Frauen gesund sind. Im Gegensatz zur WHO wird jedoch schwangeren Frauen, ca. 70 %, im Mutterpass ein Risiko bescheinigt.

Wie Schwangerenvorsorge und Geburt in Arzthände gelangten
Etwa ab 1960 wurde die Klinikgeburt incl. 10 Tagen Aufenthalt kostenlos. Zwischen 1970 und 1990 wurde ca. 17 Jahre lang eine Geldprämie von 100,- DM für 10 Besuche in einer gynäkologischen Praxis gezahlt. Hintergrund war, dass vorher viele Frauen nicht zur Vorsorge gingen. Man wollte die Frauen flächendeckend erreichen.

Mutterpass

Der Mutterpass wurde von Ärzten entwickelt. Er ist in der Fachsprache des Arztes abgefasst und und eine Unterlage der Arztpraxis. Schwangere Frauen sollen den Pass immer bei sich tragen, damit in einem Notfall eine Fachperson sofort über die Schwangerschaft Bescheid weiß. Das ist sinnvoll, damit nicht z. B. Medikamente verabreicht werden, die nicht gut für das Baby sind. Herausgegeben wird der Mutterpass vom einflussreichsten Gremium im Gesundheitssystem, dem G-BA (Gemeinsamer Bundesausschuss). Dort entscheiden Ärzte- und Krankenkassenvertreter, für welche Leistungen die Versicherung die Ärzte bezahlt.
Im Laufe der Jahre wurden immer mehr Untersuchungen in den Mutterpass eingefügt. Mit der wachsenden Zahl von anzukreuzenden Messwerten stieg die Wahrscheinlichkeit, ein Risiko bescheinigt zu bekommen.
Die Ärzte im G-BA erreichten, dass Reihenuntersuchungen – ohne individuelle Begründung (Diabetes-Reihenuntersuchung, drei Ultraschalluntersuchungen und wahlweise der Feinultraschall in der Mitte der Schwangerschaft) von den Kassen bezahlt werden.

Pathologisierung

Vorsorgeuntersuchungen allein rechnen sich für ÄrztInnen kaum. Die Bescheinigung einer "Risikoschwangerschaft" bedeutet für den Arzt, dass er mehr Untersuchungen und Tests mit den Krankenkassen abrechnen kann. (1) Dadurch erfolgt aber eine "Pathologisierung" von Schwangerschaften. Das bedeutet, immer häufiger wird schwangeren Frauen signalisiert, dass es gefährlich, risikoreich und überwachungsbedürftig sei, ein Baby zu erwarten. Junge Frauen reagieren, indem sie sich verunsichern, ängstigen und stressen mlassen und sich der Situation  ausgeliefert fühlen. Gleichzeitig wird den zukünftigen Müttern/Eltern die Verantwortung für alle Entscheidungen übertragen. Damit kommt Stress in die Schwangerschaft. Steigende Frühgeburtenzahlen (9%) und operative Entbindungen sind eine Folge.

Die Grenzen zwischen Vorsorge, Pränataldiagnsotik und selbst zu zahlenden IGe-Leistungen sind in vielen Arztpraxen und im Mutterpass nicht klar zu erkennen. Unklarheiten begünstigen eine Über- und Fehlversorgung, wie eine Bertelsmann-Studie zur Vorsorge schwangerer Frauen von 2015 zeigt. (2)

Mitnahmeeffekt
Ein „Mitnahmeeffekt“ der schwangeren Frauen ist mit im Kalkül. Viele Frauen gehen davon aus, dass alle Untersuchungen verpflichtend sind, die von der Kasse bezahlt werden. In Fachkreisen sind inzwischen sowohl die viel zu häufigen Ultraschalluntersuchungen als auch der Diabetes-Test (3) für alle Frauen umstritten.

Jegliche Vorsorge ist freiwillig

Eltern tun nicht automatisch das Beste für ihr Baby, wenn Sie alles mitnehmen, was die Kasse zahlt. Bedenken Sie vorher in jedem einzelnen Fall, was für Sie und ihr Kind sinnvoll erscheint.
Ohne dass dies für die schwangere Frau erkennbar ist, werden mehr und mehr Reihenuntersuchungen in den Mutterpass aufgenommen, die nicht zur Vorsorge zählen. Das geschieht ohne Rücksicht auf die Folgen durch mögliche Falschdiagnosen (s. Merkblatt zum Ultraschall im Mutterpass), die Stress mit oft ungewissem Ausgang für Eltern und Baby bedeuten können.

Eltern haben die Wahl, bei wem sie die Vorsorge machen möchten.  Das ist im Grundgesetz Artikel 2 geregelt. Dort wird die Selbstbestimmung festgehalten, wozu auch die Zuständigkiet für die eigene Gesundheit gehört. Im Blick auf das ungeborene Kind haben die Mutter/ tragen die Eltern schon vor der Geburt die Verantwortung. Das nennt man "Treuhänderschaft". Diese reicht bis weit in die Kindheit hinein.*
Berufsrechtlich darf die Hebamme die komplette Vorsorge durchführen und den Mutterpass anlegen und ausfüllen. Es ist lediglich ausgeschlossen, dass eine Vorsorgeuntersuchung doppelt gemacht und abgerechnet wird.

Bei der Entscheidung für oder gegen Pränataldiagnostik sollten Sie sich Zeit nehmen. Fragen Sie sich zuvor, was sie sich und ihrem Kind zumuten wollen, bis hin zu der Frage, ob sie sich den Abbruch ihrer Schwangerschaft wegen einer vermuteten Fehlbildung vorstellen können.

Quellen
(1) Arbeitskreis Frauengesundheut (AKF) Kampagne 2010: Es ist höchste Zeit, die Kaiserschnittrate zu senken: „…Auch durch die Vergütungsstrukturen werden finanzielle Anreize für die Einstufung von Schwangeren als Risikopatientinnen und für überflüssige Untersuchungen gesetzt. FrauenärztInnen können heute ohne „labelling“ [Ettikettierung] keine kostendeckende Schwangerenvorsorge erbringen, d.h. ohne den Schwangeren nicht mindestens eine, häufig jedoch mehrere, Krankheitsdiagnosen zuzuschreiben.“

(2) Bertelsmannstudie

(3) Erklärung von Frauengesundheitszentren zur Einführung von Diabetes-Screenings

* Bei ungewollten Schwangerschaften ist verfassungsrechtlich geregelt, dass eine betroffene Frau das Entscheidungsrecht im Konfliktfall hat.

Nicht der Staat, nicht der Partner, nicht die Medizin ist dafür zuständig. Lediglich hat der Staat eine Beratungspflicht verfügt. Beraterinnen haben die Aufgabe, die Frau ergebnisoffen zu beraten, wenn sie mit der Schwangerschaft hadert oder sie ablehnt. Egal wie sich die Frau entscheidet, sie wird nicht dafür zur Rechenschaft gezogen. Ihr wird zugetraut, in diesem Abwägungsprozess die für sie richtige Lösung zu finden. Das Recht auf Selbstbestimmung ist hier maßgebend. Das Kind hat vorgeburtlich das "realtive" Recht auf ein Leben. Das bedeutet. Sein Leben bedarf sehr viel Schutz und Zuspruch. Kann das die Familie, die Partnerschaft oder sonstige Institutionen nicht bereitstellen, muss die Frau entscheiden dürfen, ob sie unter diesen Umständen die Kraft fühlt, dieses Kind dennoch zu bekommen und aufzuziehen.

2/2020