Privatisierung im Gesundheitswesen: Fehlentwicklung

Abrechnungssystem führt zu unnötigen Eingriffen, Medikamenten und Operationen bei Geburten

Wie hängt das zusammen?
Eltern, die sich zur Geburt ihres Kindes in die Klinik begeben, ahnen nicht, dass sie damit einen Raum betreten, dessen finanziellen Maßstäbe mit der Geburt eines gesunden Kindes und einer gesunden Frau nicht zusammenpassen.  Denn bei Geburten gilt: Je weniger Eingriffe, je mehr Zeit, je höher der Personalschlüssel, desto besser verlaufen die Geburten von Mutter und KInd.

Die Klinik jedoch berechnet ihre Kosten: Zeit kostet, Personal kostet, also ist beides knapp zu bemessen. Medikamente und Operationen sind abrechenbare Leistungen. Davon kann es darum nicht genug geben, damit die Klinik finanziell schwarze Zahlen schreibt (wir denken auch an die Rendite für Investoren).

Vor diesem Hintergrund - so sollten sich Eltern klar machen - gibt es zu wenige Hebammen für zu viele Gebärende (bis zu 5 gleichzeitig)  und wenig Zeit, aber viele Eingriffe, Medikamente und Operationen.  

Die Diskussion um Schließungen von geburtshilflichen Abteilungen wird immer wieder damit begründet, dass gesagt wird: Normale Geburten rechnen sich nicht. Ein Krankenhaus könne sich nur tragen, wenn viele abrechenbare Leistungen getätigt werden. Bei der Geburt von gesunden Kindern und gesunden Frauen (immerhin ca 85 % aller Frauen) macht eine Klinik beim jetzigen Abrechnungssystem ein Minusgeschäft, es sei denn, viele Eingriffe erfolgen und können abgerechnet werden. Darum begrüßt eine Klinik durchaus, wenn im  Kreißsaal viel operiert wird.

Der Ruf nach weniger Eingriffen bei Geburten und stattdessen mehr Zeit zu geben und mehr Personal für eine Eins-zu-eins-Betreuung vorzuhalten, wie es die S3-Leitlinie ja fordert, nutzt nur zwei Personen: der Mutter und dem Kind. Um die scheint es bei dem Abrechnungssystem aber nicht zu gehen. Eine solche geburtshilfliche Abteilung schreibt rote Zahlen und wird geschlossen.

Die Lösung: Eine Geburt ohne Eingriffe, ohne Medikamente und Operationen müsste den Kliniken einen höheren Erlös bringen als eine Kaiserschnittoperation. Für das Abrechnungssystem ist das ein Zielkonflikt. Seit wann wird eine Klinik für das Nichtstun von den Krankenkassen höher vergütet? Gesunde Kinder und Frauen passen ja nicht in ein Haus für Kranke. 

Wir sehen heute die langfristigen Auswirkungen und die Tendenz, Geburtskliniken zu Großeinheiten zusammenzufügen. Ein politischer Irrweg, der in den 1990er Jahren begann.

Heiner Geißler, damaliger Sozialpolitiker der CDU  informiert darüber, wie es zu diesem schwerwiegenden Fehler in der Bundespolitik kommen konnte. Im Interview anlässlich seines 80. Geburtstags: "Mein größter Irrtum..." sagt er:

„Ein großer Irrtum hat sogar Auswirkungen bis heute. Mitte der 90er habe ich mich gemeinsam mit Norbert Blüm von der FDP und Teilen der CDU erpressen lassen, der Privatisierung der Sozialhilfe zuzustimmen. Uns wurde damals gedroht, man würde sonst die zweite Stufe der Pflegeversicherung nicht mitmachen. Seitdem haben wir diese Privatisierungsmanie im Gesundheitswesen, bei Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Damit spielten plötzlich Wettbewerb und Gewinnmaximierung eine Rolle, die in der Sozialpolitik eigentlich nichts zu suchen haben.“

Versuche, die Fallpauschalen für Geburten aus dem klinischen Abrechnungssystem herauszunehmen, sind bisher gescheitert.

10/2022