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Die Geburt ist nicht der Anfang...

Wer sehen möchte, wie sich wissenschaftliche Hingabe mit ethischer Aufmerksamkeit verbinden kann, greife zu diesem Buch. Hier ist es gelungen, ein umfangreiches interdisziplinäres Wissen über den Lebensanfang liebevoll zusammenzustellen und in verständlicher Form mitzuteilen. Mit dem Titel „Die Geburt ist nicht der Anfang“ zieht die Autorin den Vorhang auf, hinter dem bisher nicht beachtete Figuren und Zusammenhänge der vorgeburtlichen Lebenszeit sichtbar werden. Auf dieser Bühne erscheinen in sechs Akten die Zeit des Embryos, des Föten, die Geburtserfahrung, das Erleben vor der Sprache und in der Sprache und schließlich ein „neues Menschenbild“. Schauplätze sind das körperliche Geschehen, die psychischen Erlebnisdimensionen, die Mutter-Kind-Bindung, unsere Geburtskultur in Gegenüberstellung zu einer ganz anderen auf Bali, die Kultur des 1. Lebensjahres - auch mit einem vergleichenden Blick zur Kultur auf Bali, Sprache und „körperlich-sinnliche Innenwelt“ sowie Sprache und „soziale Außenwelt“.

Zu jedem Schauplatz wählt Marianne Krüll, von Hause auf Soziologin und feministisch engagiert, Material aus, das über konventionelles Wissen aus Biologie und Medizin, Psychologie und Sprachforschung hinausgeht. Durch die Quellenauswahl – Krüll widmet sich auch dem Studium der Hirnforschung und verschafft sich einen Überblick über Fragen der Gentechnologie und deren Anwendung - ergeben sich erfrischende Aufräumeffekte, z. B.:

„Wenn wir die ‚Geschichte’ unseres Mensch-Werdens mit dem vorgeburtlichen Leben beginnen, dann wird auch die Diskussion hinfällig, ob ‚genetische Anlage’ oder ‚Umwelt’ entscheidend sei. Denn in allerjüngster Zeit sind Genforscher zu der unerwarteten, sie selbst überraschenden Erkenntnis gekommen, dass unsere Gene zwar die Erbinformation enthalten, die aus einer befruchteten Zelle ein menschliches Wesen werden lässt, dass Gene aber von ihrer ‚Umwelt’, sprich den Zellen, in denen sie aktiv werden, oder den anderen Genen im Zellkern angeregt werden müssen, um sich zu ‚exprimieren’ (auszudrücken). Mit anderen Worten: schon in unserer allerfrühesten Zeit als Embryo waren wir von dem, was uns umgab, abhängig.“ (Krüll 1989/2009, S. 14)

Das hat natürlich weitreichende Konsequenzen für den Umgang mit Schwangerschaft überhaupt. Und so scheut sich Krüll auch nicht, Position zu beziehen und sich auf die Seite des Kindes zu stellen. Hierfür nimmt sie einen Kunstgriff vor: am Ende jedes Kapitels wechselt sie zu einem Dialog mit einem fiktiven Gegenüber. Gegenstand dieser Gespräche sind „Die Gentechnologie und wir“. „Was ist ‚Vererbung’, „Zur Abtreibung“, „Brief an meine Kinder“, „Über den Trieb-Begriff“, „Von Müttermythen und Männermacht“, „Gibt es Hoffnung?“ Im Dialog nimmt sich die Autorin Zeit zum Nachdenken über weltanschauliche und persönliche Entscheidungen, vor denen jede werdende Mutter und ihr Partner irgendwann einmal stehen, und mit denen die Autorin diese nicht allein lässt, sondern für die sie ihnen Anregungen zur Reflexion und Beurteilung gibt.

So behandelt sie ihren Stoff und ihre LeserInnen, wissenschaftliche Ergebnisse und ethische Fragestellungen mit großer Sorgfalt, was allen gut tut, Eltern, Kindern und ExpertInnen.

 

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