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Gedanken zur Väterlichkeit

Die Bedeutung der Väterlichkeit - schon in der vorgeburtlichen Zeit und dann für die frühe Entwicklung des Säuglings, der Paarbeziehung und der Familie überhaupt und schließlich für den Vater selbst - rückt erst in den letzten 20-30 Jahren ins Blickfeld. Die heutigen Väter aber haben die jetzt als wichtig erkannte Väterlichkeit nicht selbst erlebt, sie haben dafür keine Vorbilder, sie haben nur unklare, ferne, oft mit Zweifeln verbundene Männervorbilder im Schatten der Kriege und der damaligen Erziehung.

"Das Zustandekommen einer Vaterschaft ist ein Ereignis, das die Psyche eines Mannes tief tangiert; das in seine Biografie Eingeschriebenes neu belebt" (Heinz Walter). Das betrifft z.B. auch seine allererste Abhängigkeit vor, während und nach der eigenen Geburt.

Dieses Beleben der ersten "Abhängigkeit" kann sich natürlich auch bei der werdenden Mutter einstellen. Sie kann aber anders damit umgehen - nämlich sie ist die, die mit dem werdenden Menschenkind verbunden ist, ihm ihren Körper gibt und die Abhängigkeit durch die Nabelschnur so gut wie möglich gestalten kann, aber als die Erwachsene, Autonome.

Dabei ist ihr die Teilnahme und Begleitung und Bestärkung durch ihren Partner natürlich sehr wichtig und hilfreich, sie sollte aber nicht vergessen, dass der werdende Vater eben in einer anderen seelischen Position ist: auch er war einmal von einer Frau, seiner Mutter, neun Monate und noch eine ganze Zeit danach total abhängig, kann jetzt aber für sein Kind nur indirekt etwas tun - und zwar wiederum innerhalb der Beziehung und Liebe zu ihr, der Mutter seines Kindes, und in der gemeinsamen Liebe zum Kind.

Er ist also der Dritte, nicht der Hauptakteur, sondern dazukommend, seelisch und praktisch begleitend, der sich bemühen muss, dem Mutter-Kind-Paar gut zu tun, besser, als es möglicherweise in seine Biografie eingeschrieben ist.

Für den neuen Vater ist es aber auch wichtig, achtsam zu sein, dass er seinen eigenen Mangel jetzt nicht auszugleichen versucht in Konkurrenz zu seinem Kind. Entsprechend darf auch die gewordene Mutter nicht ihre frühen Wunden und ihre Angst vor allem Neuen heilen wollen, indem sie dem Vater alle Helferrollen gleichzeitig abverlangt. Für beide geht es ja um den Abschied von der Jugendzeit in die neue Verantwortlichkeit der Elternschaft, wobei, wie bei allen Übergängen, das gemeinsame Gespräch notwendig ist - möglichst schon vor der Geburt des Kindes, wenn noch ausreichend seelischer Raum dafür da ist.

Seit in der westlichen Welt um Geburten geworben wird und die Mediziner sich dieses Themas bemächtigt haben, bekommen die werdenden Mütter von allen Seiten viel Beachtung, seien es die unendlich vielen Untersuchungen, über die dann geredet wird, oder Ratschläge für Körper und Seele, und auch Angst machende Regeln. Sie bekommen, was ja auch wichtig ist, so eine außergewöhnliche Bedeutung und Wertsteigerung.

Und wie fühlen sich in dieser nicht leichten Übergangszeit die werdenden Väter als die Dritten? 

Es wird auch um sie geworben, zum Vorbereitungskurs mitzukommen oder das Bettchen mit auszusuchen und viele Bücher mitzulesen - aber in Wirklichkeit benötigen die "Neuen Väter" eine ernsthafte und tiefergehende Einfühlung für ihr ganz neues Erleben. Vielerlei kann sie berühren, und es kann für sie schwierig sein, sich in diesen neuen Gefühlen zu orientieren. Es kann sie aber auch herausfordern, sich einer tiefergehenden, zunächst unauffälligeren Aufgabe zu stellen, einer ganz neuen Bedeutung, die für die Menschheitsgeschichte und deren Menschlichkeit friedensstiftend und erneuernd sein kann.

Und sie können für diese neue Väterlichkeit die neuen Gefühlszusamenhänge und -konflikte (statt sie im Streit zu verdrängen) zulassen, aufnehmen und sich ums Verstehen und Verstandenwerden bemühen. Dafür brauchen beide Partner viel Geduld und Achtsamkeit, um Gespräche konstruktiv zu gestalten.

Charlotte Schönfeldt

 

 

Literaturhinweise:

Die Rolle des Vaters in der frühen Kindheit. Deutsche Liga für das Kind in Familie und Gesellschaft: Zeitschrift: frühe Kindheit Heft 01/09.

Petra Otto: Väter bei der Geburt. In: AKF-Info Oktober 2009, S.34-38.

Dieter Thomä: Väter. Eine moderne Heldengeschichte. Carl Hanser Verlag 2008.

Heinz Walter (Hrsg.): Männer als Väter: Sozialwissenschaftliche Theorie und Empirie. Psychosozial-Verlag 2002.

Heinz Walter (Hrsg.): Vater, wer bist du? Auf der Suche nach dem "hinreichend guten" Vater. J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger 2008.

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